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Die Rettung Assisis 1944

"Il Colonello" – der Oberstarzt

Kapuzinerkloster Rivotorto, unterhalb Assisis, 16. Juni 1944, am Tag vor der Befreiung, Hauschronik: „Um etwa 17 Uhr läuteten die Glocken für einen Verstorbenen, wie üblich etwas länger. Plötzlich Maschinengewehrsalven gegen das Klostertor. ... Eine Stimme war zu hören: sie wären des Verrats angeklagt wegen des Glockenläutens, der Fahne vor der Kirche und den verschlossenen Toren. Deutsche Soldaten zwangen sie, sich in Reih und Glied aufzustellen. Sie zielten mit ihren Gewehren auf sie. Ein Mitbruder flehte die Soldaten an, sie zu verschonen und rührte schließlich einen Soldaten so an, dass die Spannung sich mit einigen Fußtritten auflöste. Um 19 Uhr hatte sich alles wieder beruhigt. In der Dunkelheit konnten wir das Gefecht näher kommen sehen ... Ein riesiger Panzer war nur 200 m von der Kirche entfernt in Brand gesetzt worden. Vermutlich war das der Grund, warum nun die alliierten Truppen ihre Kanonen auf uns richteten. Gegen 23 Uhr setzte eine schreckliche Bombardierung ein ... Am späteren Vormittag des 17. Juni wurden die Abtei San Pietro und das Kloster der Kollettinerinnen getroffen. Sogar die Kuppel von Santa Maria degli Angeli, Portiuncula, wurde beschädigt. An der Porta San Giacomo wurden zwei Zivilisten getötet und mehrere verwundet. Ebenso in der Nähe der Porta San Francesco. Einige Geschosse trafen die Straße, die von den Alliierten Truppen benutzt wurde.“ In der Chronik des Kapuzinerklosters wird folgendes geschildert: „16. Juni: Dieser Abend war die Hölle! Die sich zurückziehenden Deutschen ließen ihrer Wut freien Lauf und zerstörten alles, was sie konnten. Um Assisi herum stand alles in Flammen: Mühlen, Silos, Fabriken, Lager und andere gewerbliche Räume, Geschäfte, alles … Brücken, Bahnhöfe und Privathäuser in die Luft gejagt … 17. Juni: Nach dem Rückzug der Deutschen wehten in Assisi die Britischen und Amerikanischen Fahnen. Die Deutschen bezogen Stellung auf den umliegenden Hügeln und hatten natürlich mitbekommen, dass die gegnerischen Truppen die Stadt betreten hatten, die sie nicht betreten sollten. Sie begannen also Assisi zu bombardieren.“

Es war die Nacht vom 16. auf den 17. Juni, in der Oberstarzt Müller, allein zurückgeblieben, am Stadttor Wache hielt, um das Eindringen der Deutschen zu verhindern. Die Rettung der Stadt Assisi war sicherlich nicht das Werk eines einzelnen Menschen! Mehr als ein mutiger, couragierter Mensch war dazu notwendig. Letztlich war die Strategie von Oberst Valentin Müller und Bischof Nicolini ausschlaggebend – und ihre konsequente, tatkräftige Umsetzung.

Am 25. Juli 1943 war der Faschismus in Italien gestürzt und Mussolini gefangen genommen worden. Am 8. September schließen sich die Italiener den Alliierten an. Britische und amerikanische Truppen landen in Süditalien. In Italien beginnt ein Bürgerkrieg. Die deutsche Besatzung bricht an. Am 9. September besetzen die Deutschen Assisi. Am 30. Oktober beginnen alliierte Truppen den Flughafen Sant´ Egidio unweit Assisi zu bombardieren. Am 7. Januar 1944 sterben dort 17 Bürger Assisis.

Am 1. März 1944 wird Valentin Müller zum Stadtkommandanten in Assisi ernannt. Auf dem Rückzug der Deutschen wird so manches Kulturgut zerstört, wie am 11. Mai die Benediktinerabtei von Montecassino. Der Vatikan, die Assisienser und die Franziskaner-Minoriten bemühen sich diplomatisch um den Status einer „Lazarettstadt” für Assisi. Am 31. Mai stimmt der oberste Heerführer der Deutschen in Italien der Erklärung Assisis zur „Lazarettstadt” offiziell zu. Am 16. Juni verlassen die deutschen Truppen mit den Verwundeten Assisi, einen Tag später etablieren die Alliierten eine neue Stadtregierung.

Pater Beda Hess, der Generalobere der Minoriten, schreibt in einem Memoriale: „In Assisi sind zwei deutsche Militärlazarette entstanden und in Funktion, unweit von der Basilika San Francesco. Andere Gebäude an verschiedenen Stellen der Stadt vervollständigen die Lazarettausstattung. Die Hotels Subasio, Giotto und Savoia beherbergen deutsche Soldaten und Offiziere – alle sehr nah der Basilika. Die Flughäfen von Foligno and Perugia sind bereits von den jüngsten Gefechten betroffen gewesen. Flugzeuge beider Seiten überfliegen ständig Assisi und nehmen die umliegenden Regionen unter Beschuss. … In Ergänzung zu den beiden Lazaretten waren auch andere Gebäude in ganz unterschiedlichen Teilen der Stadt beschlagnahmt und besetzt worden, so dass Assisi mehr und mehr militarisiert ist. Viele der Arbeiter und Piloten am Flugplatz von Perugia sind in den Hotels von Assisi untergebracht. Von dort starten sie und kehren wieder dorthin zurück. Es könnte passieren, dass diese der Basilika nahe gelegenen Hotels von den Alliierten bombardiert werden. Ganze Gruppen von Assisiensern werden täglich dazu verpflichtet, am nahen Flugplatz militärische Dienste zu unterstützen. Da der Flugplatz selbst für die Verteidigung und Lagerung von Waffen sehr geeignet ist, stellt dies eine erhebliche Gefahrenquelle dar.” Hess beschrieb die Möglichkeiten und Gefahr, dass in den Kellerräumen der Lazarette auch Munition gelagert würde; von den Durchsuchungsaktionen der Deutschen, den Problemen durch Übergriffe von betrunkenen Soldaten und den nicht selten zu hörenden Drohungen, bei einem Rückzug alles in die Luft zu jagen, um es nicht den Feinden zu überlassen, ganz zu schweigen.

Diplomatische Bemühungen waren notwendig. Sie bildeten die Grundlage für Müllers Anstrengungen. Kein anderer hätte tun können, was er getan hat. Domdekan Don Aldo Brunacci stellt fest: „Die beiden Hauptverantwortlichen für die Rettung Assisis waren Bischof Nicolini und Oberstarzt Valentin Müller. Mit der Unterstützung des Bischofs setzte er die einzig mögliche Strategie zur Rettung der Stadt um, nämlich die Zahl der tatsächlichen Lazarette in der Stadt zu mehren, damit sie in Wirklichkeit zu einem Gesamt-Lazarett werden konnte. Der Bischof arbeitete eng mit ihm zusammen.“

Nicolini und Müller waren aus demselben Holz geschnitzt. Der folgende Bericht eines jüdischen Flüchtlings beschreibt den Charakter des Bischofs: „Während der letzten Phase der Besatzung war das Bischöfliche Palais zu einem Zufluchtsort für viele, viele Flüchtlinge und Verfolgte geworden. Als ich zu Bischof Nicolini kam und ihn fragte, ob er mich und meine Familie noch aufnehmen würde, antwortete er mir in großer Schlichtheit und mit einem freundlichen Lächeln: ‘Es gibt keinen Platz mehr außer meinem Schlafzimmer und meinem Büro. Allerdings könnte ich auch im Büro schlafen! Also: Das Schlafzimmer gehört Ihnen!’“

Assisi verdankt seine Rettung vor allem der ausgezeichneten Verständigung zwischen Bischof und Colonello. Gab es irgendwo ein Problem, kam es zwischen den beiden sofort zum Austausch. Und Müller setzte die gemeinsamen Ideen sofort in die Tat um, voller Energie und Tatkraft. Der Verwalter der Kommune berichtete Müller von der Gefahr, die von der Stationierung deutschen Militärs inmitten der Stadt ausging. Müller gelang es tatsächlich, das Kommando davon zu überzeugen, die Militärpolizei aus dem Hotel Giotto und die Luftwaffe aus dem Hotel Subasio abzuziehen. Energisch wollte er den Status einer „offenen Stadt“ bzw. einer „Lazarettstadt“ nach internationalem Recht durchsetzen. Gemäß der Genfer Konvention des Roten Kreuzes waren kämpfende Truppen in einer Lazarettstadt nicht geduldet. Die Haager Richtlinie besagte, dass militärisches Personal aus einer offenen Stadt zu entfernen ist. Die Regeln mussten aber von beiden Seiten anerkannt werden. Das deutsche Hauptquartier in Berlin verzögerte derartige Zusagen, bis die Front sich der entsprechenden Stadt tatsächlich genähert hatte. Das Oberkommando wollte taktische Nachteile vermeiden. Dementsprechend waren Müllers Bemühungen zunächst vergeblich. Schließlich nahm er die Sache selbst in die Hand. Er verwies die verbleibenden Truppen aus der Stadt. In der Nacht versperrte er die Stadttore und platzierte Wachen und Schilder, um die sich zurückziehenden deutschen Truppen vom Einzug in die Stadt abzuhalten. Sogar sehr engagierte Mitstreiter, wie der Guardian des Sacro Convento, waren nicht in der Lage, ihm in letzter Konsequenz zu folgen. Die Franziskaner-Minoriten verweigerten Müller die Nutzung des oberen Stockwerkes ihrer theologischen Hochschule – bis zum 5. Juni 1944.

Am 31. Mai 1944 besuchte er die Pfarrgemeinde San Vitale, in der der Bischof sich zu einer Festivität eingefunden hatte. Der Oberst bat bei dieser Gelegenheit den Bischof, ihm die Nutzung des umbrischen Priesterseminars zu überlassen. Sehr wohl war dem Bischof bewusst, dass es sich um das Eigentum des Heiligen Stuhls handelte. Doch zögerte er keinen Augenblick, Müllers Bitte nachzukommen. Der Präfekt der Heiligen Kongregation für die Priesterseminare war entrüstet! Wäre das Priesterseminar nicht beschlagnahmt worden, wäre es wohl in die Hände der SS gefallen. Das wiederum hätte unvermeidlich die Bombardierung der unmittelbaren Umgebung der Stadt bedeutet. So zogen am 3. Juni 1944 die ersten verwundeten deutschen Soldaten in das Umbrische Priesterseminar ein.

Bei einem weiteren Schachzug handelte es sich um das Anwesen eines Herrn Gualdi, das offiziell zu den Lazarettgebäuden zählte. Nicht nur einmal wurden die alliierten Flugzeuge, die auf dem Flugplatz landen wollten, aus der Villa beschossen. Der Bischof rief Müller zu sich und Müller ging ans Werk. Die deutschen Soldaten wurden aus der Villa abgezogen, und er etablierte dort eine weitere Krankenstation.

Valentin Müller suchte Generalfeldmarschall Kesselring, seinen fränkischen Landsmann, auf und brachte seine Sorge um Assisi zum Ausdruck. Kesselring gab ihm den Bescheid, er würde eine Anordnung erlassen, die kämpfenden Truppen das Betreten der Stadt Assisi untersagte. Aber auch das sollte nicht reichen. Als die ersten sich zurückziehenden Truppenverbände in der Ebene unterhalb Assisis angekommen waren, ließ der Oberstarzt rund um die Uhr an den Stadttoren Wachen aufstellen. Er setzte sogar sein Lazarettpersonal dafür ein, sich den Soldaten entgegenzustellen. Draußen bei Santa Maria degli Angeli ließ er eine Barrikade errichten. Die Rettung der Stadt hing ganz und gar daran, die Demilitarisierung durchzuhalten, bis die Front an der Stadt vorbeigezogen war.

Als die anglo-amerikanische Seite sich der Stadt näherte, bekam Valentin Müller die Order, die 2000 Verwundeten samt Lazarettpersonal sofort zu evakuieren. Der Konvoi der Verwundeten verließ am Morgen des 15. Juni die Stadt. Müller übergab aber das Kommando seinem Assistenten, denn er wollte bis zum letzten Augenblick in Assisi bleiben. Die Alliierten waren bereits in der Ebene angekommen. Die deutsche Nachhut stand bei Santa Maria degli Angeli. Jederzeit bestand die große Gefahr, dass sich deutsche Soldaten auch in der Stadt verschanzten. Dazu kam, dass die Nachhut aus einem Bataillon der SS bestand, die wegen ihrer Unabhängigkeit und Grausamkeit gefürchtet war.

In der Nacht vom 15. auf den 16. Juni wachte Müller persönlich vor dem Haupttor Assisis. Am Tage danach kamen einige SS-Leute nach Assisi herauf. Zwischen ihnen und Müller fand eine hitzige Auseinandersetzung statt. Müller stand mit seiner Pistole gegen die SS. Der Streit dauerte nicht lange. Es reichte, um sie davon zu überzeugen, doch weiter zu ziehen. Assisi war zunächst gerettet. Kurz nach Mitternacht des 16. Juni verließ auch Valentin Müller mit seinen verbliebenen Leuten die Stadt.

Bernadette und Josef Raischl

Lebensbild
Quellen und Literatur

Veranstaltungen und Termine

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Mittwoch, 25. März
19.00 Uhr
Vortrag von Dr. Joachim Werz: "Der Eichstätter Weihbischof Leonhard Haller (1500–1570)"
Ort: Eichstätt, Seminarraum im Gästehaus der Abtei St. Walburg

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