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Prof. Dr. Martin Grabmann

Prof. Dr. Martin Grabmann
Prof. Dr. Martin Grabmann

Martin Grabmann wurde am 5. Januar 1875 im oberpfälzischen Winterzhofen bei Berching geboren. Die Eltern waren der „Kinzerbauer“ Joseph Grabmann (1848-1915) seine Ehefrau Walburga, geb. Baur (1850-1886). Nach ihrem Ältesten Martin waren ihnen noch drei Söhne geschenkt. Die Mutter hatte Martins Begabung erkannt und dafür gesorgt, dass er das Gymnasium und das bischöfliche Seminar in Eichstätt besuchen konnte. 1893 absolvierte er das humanistische Gymnasium und studierte anschließend am Bischöflichen Lyzeum. Seminar und Lyzeum standen von 1893 bis 1899 unter der Leitung von Regens Georg Koller (1842-1899), der nicht aus der Reihe der Professoren gekommen war. Besonders der Dogmatiker Franz Morgott (1826-1900) beeinflusst den Studenten und gibt an ihn seine Verehrung des Thomas von Aquin (um 1225-1274) und sein historisches Interesse an Lehrentwicklungen weiter. Schon als Student am Lyzeum kennt Grabmann die Summa Theologiae des Thomas, nicht nur in Auszügen, sondern ganz.

Nach der Priesterweihe 1898 wird Grabmann zunächst als Kaplan in der Seelsorge (in Kipfenberg, Allersberg und in Neumarkt) eingesetzt. Auf Morgotts Rat widmet er sich dabei der Ekklesiologie des Thomas von Aquin. Sein Interesse an der Entwicklung der Lehre erwacht. Oktober 1900 kann er zum Studium nach Rom gehen und will dort stärker der Weiterbildung thomistischer Ideen im Mittelalter nachspüren. Seinem ausgeprägten historischen Sinn erschließt sich in Rom die Welt der mittelalterlichen Handschriften. Franz Ehrle SJ (1845-1934) und Heinrich Denifle OP (1844-1905) führen ihn in dieses Forschungsgebiet ein, dessen handwerkliches Rüstzeug er sich als Autodidakt aneignet. Unermüdlich wird er fortan in zahlreichen europäischen Bibliotheken die Dokumente mittelalterlicher Theologie und Philosophie aufstöbern, zugänglich machen und kommentieren. Zunächst aber kehrt Dr. phil. Dr. theol. Grabmann 1902 aus dem deutschen Kolleg S. Maria dell’Anima nach Eichstätt als Kooperator und Beichtvater in St. Walburg zurück, wo er seine Studien vertiefen und dessen Früchte veröffentlichen kann. Neben der „Kirche als Gotteswerk“ nach Thomas erscheinen umfangreiche Studien über Ulrich von Straßburg, der die Auffassungen des Albertus Magnus weiterreichte, und über den in augustinischer Tradition argumentierenden Franziskanerkardinal Matthäus von Aquasparta: Die verschiedenen Facetten der Hochscholastik sind präsent.

1906 kann er endlich am Lyzeum die Dogmatik übernehmen. Hier arbeitet er seine theologischen Vorlesungen aus, in denen Morgotts Spuren bemerkbar bleiben, und legt bereits 1909/1911 die zwei Bände seiner großen „Geschichte der scholastischen Methode nach gedruckten und ungedruckten Quellen“ vor. Er beginnt in diesem ersten Hauptwerk bei den Anfängen in der Väterliteratur und kommt bis zum beginnenden 13. Jahrhundert. Die Darstellung der frühscholastischen Epoche glänzt durch handschriftliche Studien. Aber das bisherige Forschungsgebiet, die Hochscholastik, wird noch nicht erreicht. Viele der immensen folgenden Untersuchungen lassen sich als Vorarbeiten der geplanten Fortführung verstehen. Die Fragestellungen nach der angemessenen theologischen Methode, nach dem Verhältnis von Glaube und Wissen, nach der theologischen Erkenntnis, denen in der Hochscholastik noch nachzugehen war, halten die weiten Forschungen Grabmanns zusammen. Er stellt die „scholastische Methode“ in der Spannung und Verbindung von Autorität und Vernunft dar.

Seine Darstellung findet allgemeine Anerkennung. Die Katholische Universität Löwen verleiht als erste ihm 1913 ein philosophisches Ehrendoktorat. Weitere werden folgen. Aus Wien ergeht im gleichen Jahr ein Ruf an ihn als Professor für christliche Philosophie. Programmatisch trägt Grabmann seine Antrittsvorlesung unter dem Titel vor: Der Gegenwartswert der geschichtlichen Erforschung der mittelalterlichen Philosophie. In Wien findet er in reichem Maße, was Eichstätt nur bescheiden vorweisen kann: Handschriften, seine Leidenschaft, das Lebenselixier seines Forschens. Eichstätt hatte ihm regelmäßige Bibliotheksreisen abverlangt, nicht nur nach München, auch nach Paris, zu den reichhaltigen Bibliotheken Italiens (1906, 1910, 1912) und nach Belgien (1910). In seiner Ausbeute finden sich beachtliche Entdeckungen, etwa Abaelards Kommentare zur aristotelischen Logik, die er 1910 in der Mailänder Ambrosiana wieder aufspürt, oder umfangreiche Werke Alberts des Großen in der Marciana in Venedig (1912). Mit den Handschriften lernt er auch Menschen kennen, Wissenschaftler von Rang, etwa den Präfekten der Ambrosiana, Achille Ratti, den späteren Papst Pius XI. In der Kriegszeit bieten Wien und die Bibliotheken der österreichischen Klöster und Stifte „wertvolles handschriftliches Material“.

Bei Kriegsende erreicht Grabmann ein Ruf nach München, wieder auf einen Lehrstuhl für Dogmatik. Dort verbindet ihn Freundschaft mit dem Rechtshistoriker Eduard Eichmann (1870-1946), dort lehrt Clemens Baeumker (1853-1924) Philosophie, der Begründer und Herausgeber der "Beiträge zur Geschichte der Philosophie (und Theologie) des Mittelalters". Diese Reihe entspricht sehr genau Grabmanns Intentionen; er wird sie nach Baeumkers Tod fortführen. 1920 wird Grabmann zum ordentlichen Mitglied der philosophisch-historischen Abteilung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt. In großer Regelmäßigkeit trägt er in der Akademie seine Forschungsergebnisse vor und berichtet von seinen Funden. Den Schwerpunkt bildet der Aristoteles latinus. Weitere Mitgliedschaften in Wissenschaftlichen Akademien und Gelehrten-Gesellschaften weltweit folgen.

1922 lehnt er einen Ruf an die Università Cattolica del Sacro Cuore in Mailand ab, weil er die idealeren Bedingungen für sein Forschen in der Bayerischen Staatsbibliothek schätzt. Auch einen Ruf der Münchener Philosophischen Fakultät auf die Nachfolge Baeumkers nimmt er nicht an, um sich konzentriert seinen mittelalterlichen Forschungen widmen zu können. Der Reichtum der Münchener Bibliotheken hält Grabmann nicht von weiteren Forschungsreisen zurück, in denen er geradezu mit einem „sechsten Sinn“ zahlreiche ungedruckte Quellen aufspürt, analysiert, oft auch ediert oder generös anderen zur Edition überlässt. Zu den weit reichenden Entdeckungen gehören die Aristotelesvorlesungen des Siger von Brabant, die Fernand van Steenberghen herausgab. Wie vor dem ersten Krieg erweitert und festigt sich in diesen Reisen die Zusammenarbeit mit den Forschern, besonders mit Giovanni Mercati (1866-1957, seit 1936 Kardinal) und Auguste Pelzer (1876-1958).

Martin Grabmann muss ein offener, kontaktfreudiger, nicht nur freundlicher, sondern freundschaftlicher und freigebiger Mensch gewesen sein, der sich ursprünglich freuen konnte und dankbar für jede Begegnung war. Seine konzentrierte, anstrengende Arbeit, bei der er alle Welt um sich vergessen konnte, wechselt mit heiterer Entspannung und Erholung im Kreis seiner Freunde und Vertrauten, mit denen er Freud und Leid teilt. Bei aller Berühmtheit hat er sich das bescheidene, schlichte und fromme Wesen seines lauteren, aufmerksamen Charakters bewahrt. Zahlreiche Beiträge in Festschriften dokumentieren Grabmanns Verbundenheit mit Kollegen, Freunden, Forschern und Gelehrten in einer internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft. Er selbst erhält zwei Festschriften, 1935 und 1945.

In München ist Grabmann der Mittelpunkt eines großen Habilitanden- und Doktorandenkreises, zu dem auch Michael Schmaus (1897-1993), sein späterer Nachfolger und Gründer des Martin-Grabmann-Institutes (1954), gehört. Aus Eichstätt stoßen zu diesem Kreis mehrere angehende Wissenschaftler, die die Eichstätter Hochschule prägen werden: Joseph Lechner (1893-1954), Josef Kürzinger (1898-1984), Alfons Fleischmann (1907-98), Ludwig Ott (1906-1985), der von allen Grabmann wohl am engsten verbunden war. Auch Johannes Hirschberger (1900-1990) darf zu diesem Kreis gezählt werden; zuvor hatte Michael Rackl (1883-1848) unter Grabmanns Anregung und Betreuung seine Dissertation 1914 in Freiburg eingereicht, Andreas Bauch (1908-1985) legte seine Arbeit 1946 in Würzburg vor. Über seine Eichstätter Schüler blieb Martin Grabmann der prägende und verbindende Faktor an seiner Hochschule auch noch lange nach seinem Weggang, über seinen Tod hinaus, bis in ihrer neuen universitären Form andere Einflüsse überwiegen sollten. Natürlich kamen Grabmanns Promovenden nicht nur aus Eichstätt, und lehrten nicht nur hier. Sie kamen aus Deutschland ebenso wie aus dem europäischen Ausland. Etwa die Hälfte seiner Doktoranden schlug die akademische Laufbahn ein. Das Verhältnis zu seinen Schülern wird als anspruchsvoll und wohlwollend, fördernd, ja freundschaftlich beschrieben. Er prägt durch seine Schule mit den dogmen- und theologiegeschichtlichen Forschungen die Theologie in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts wie kaum ein anderer.

Kirchliche Ehrungen blieben nicht aus. Die Ernennung zum Päpstlichen Hausprälaten erfolgt bereits 1921, die hohe Auszeichnung zum Apostolischen Protonotar zwanzig Jahre später. Zuvor aber traf Grabmann noch ein harter Schlag: Im Frühjahr 1939 wurde die Theologische Fakultät in München von den nationalsozialistischen Machthabern aufgehoben und der 64jährige Gelehrte kurzerhand in den Ruhestand geschickt. Konnte Grabmann nun auch nicht mehr formell unterrichten, so führt er doch unermüdlich, geradezu rastlos und ungebrochen, und ohne Schonung der ohnehin zeitlebens labilen Gesundheit seine wissenschaftlichen Forschungen fort.

Noch rechtzeitig vor der Zerstörung der eigenen Wohnung in der Schellingstraße 10 zieht Grabmann im Mai 1943 auf die drängende Einladung Michael Rackls mit seiner privaten Bibliothek nach Eichstätt. Grabmann bezieht eine bescheidene Wohnung im Garten des bischöflichen Seminars. Nach Kriegsende wird die Münchener Fakultät wieder eröffnet, Grabmann zurückberufen; er liest noch zwei Semester, bevor er endgültig aus dem aktiven Hochschuldienst ausscheidet. 1948 kann er sein Goldenes Priesterjubiläum in Eichstätt und in seiner Heimatpfarrei in Berching feiern. In einem Brief vom 30. Dezember 1948 gesteht er: „Ich hätte mich mehr schonen sollen“. Das sollte seine letzte Zeile sein. In der Nacht erleidet er einen Herzinfarkt. Mit klarem Bewusstsein und der ihm eigenen, selbstkritischen Heiterkeit: „Dicke Bücher schreiben ist leichter als sterben“, nimmt er das Sterben an. Das undurchdringliche Geheimnis Gottes oft und öfter zu durchdenken, war die Freude und Erfrischung wie der Dienst seines Lebens, Gott, die höchste Wahrheit, zu erkennen sein Ziel. Am 9. Januar 1949, vier Tage nach seinem 74. Geburtstag, stirbt Martin Grabmann.

Erich Naab

Werke und Literatur zu Martin Grabmann

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