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Luise Löwenfels (Sr. Maria Aloysia ADJC)

Luise Löwenfels

Luise Löwenfels wird am 5. Juli 1915 zu Trabelsdorf in Bayern geboren. Ihre Eltern Salomon Löwenfels und Sophia Prölsdörfer sind tief gläubige Juden – Nachkommen eines Fürstengeschlechtes aus Judäa, wie die Familientradition erzählt. Die Familie geht regelmäßig zur Synagoge, befolgt die jüdischen Gesetze und Gebote und erzieht die Kinder nach den Vorschriften der jüdischen Religion. Vater Löwenfels ist von Beruf Metzger und Viehhändler. Er kauft selbst Rinder bei den Bauern in der Gegend. Im Dorf ist er bekannt  als  “der radelnde Kaufmann”.
Luise ist das elfte von zwölf Kindern, von denen aber zwei, darunter das zuletzt geborene Kind, schon bald nach der Geburt sterben. Luises Vater ist ein gütiger, sanftmütiger Mann, der seine jüngste Tochter sehr liebt. Er stirbt plötzlich am 6. Juli 1923, einen Tag nach seiner Silbernen Hochzeit und nach Luises achtem Geburtstag. Luise muss ihren Vater sehr vermisst haben, umso mehr als der ältere Bruder – dem jetzt die Sorge für die Familie obliegt - Luise gegenüber sehr hart sein kann, vor allem wenn er spürt, dass sie ihrer Neigung zum katholischen Glauben nachgeht. Für ihre Familie, besonders für ihre Mutter, muss es unbegreiflich gewesen sein, dass Luise, wie von Freundinnen und einer Hausangestellten berichtet wird, versucht, so oft sie kann, eine katholische Kirche zu besuchen. Schon 1920 war die Familie Löwenfels aus dem kleinen Ort Trabelsdorf, in der Nähe von Bamberg, nach Buxheim bei Ingolstadt umgezogen. Die Gründe dafür sind nicht mehr nachzuvollziehen. Luise kommt in Buxheim 1922 in die Schule. 1926 zieht Mutter Löwenfels mit den noch zu Hause lebenden Kindern nach Ingolstadt um, wo ein großer Teil ihrer Familie lebt.
Dort besucht Luise von 1926 bis 1932 die Höhere Mädchenschule im Kloster “Gnadenthal”. Die Schule wird von Franziskanerinnen geleitet. Nach gut benotetem Abschluss der „Mittleren Reife“ nimmt Luise in Gnadenthal mit sechs weiteren Schülerinnen an einem Handels-Jahreskurs als „Gelegenheit zur Vorbereitung auf den kaufmännischen Beruf“ teil. Sie verlässt diesen Kurs schon nach dem zweiten Trimester. Die den Zeugnissen angefügten Bemerkungen lassen vermuten, dass er nicht ihren Interessen entsprach, ungeachtet ihrer guten Noten. Die Schwestern spüren, dass Luise zum katholischen Glauben neigt und sich für das Fach  Religion besonders interessiert.
Nach Abschluss ihrer Schulzeit in Ingolstadt geht Luise nach Nördlingen, um in dem von Franziskanerinnen geleiteten Kloster „Maria Stern“ die Ausbildung als Kindergärtnerin zu absolvieren. Auch diese Ausbildung schließt Luise mit guten Noten ab. In Nördlingen nimmt sie regelmäßig am Konvertitenunterricht teil.
Nach abgeschlossener Ausbildung als Kindergärtnerin steht ihr Entschluss fest, katholisch zu werden; dies führt zum Ausschluss aus ihrer Familie. Die noch ungetaufte junge Frau bittet im Frühjahr 1935 im Benediktinerinnenkloster St. Walburg in Eichstätt um Aufnahme, wird aber abgewiesen.
So nimmt sie in Recklinghausen eine Stelle als Erzieherin in einer jüdischen Familie an. Der Sohn der Familie besucht den katholischen Kindergarten im nahegelegenen Paulusstift, der von Schwestern der Göttlichen Vorsehung geleitet wird. Luise freundet sich mit der Kindergartenleiterin Sr. Veronis Rüdel an und hat auch engen Kontakt mit der in der Paulus-Pfarrei sehr aktiven Familie Eppmann. Über die Schwester des Herrn Eppmann, die zu den Armen Dienstmägden Jesu Christi, den „Dernbacher Schwestern“ (ADJC) gehört, wird sie später den Weg zur  Schwesterngemeinschaft  in Mönchengladbach-Hehn finden. Die religiöse Gemeinschaft war 1851 in der Diözese Limburg  von Maria Katharina Kasper mit der Option für die Armen und Benachteiligten gegründet worden. Luises Aufenthalt in Recklinghausen dauert allerdings nicht lange, da sie die Stelle in der jüdischen Familie nach ungefähr zwei Monaten verliert, vermutlich aufgrund ihrer deutlich erkennbaren Neigung zum katholischen Glauben.

In Frankfurt findet sie eine neue Arbeitsstelle, und zwar in einem jüdischen Kinderheim, das in der Nähe der Niederlassung der Armen Dienstmägde Jesu Christi im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen liegt. Am Sonntag geht sie mit anderen Mädchen zu den Treffen der Marianischen Kongregation, die im Kloster stattfinden. Sr. Alodina, die dortige Oberin, bringt Luise in Kontakt mit Kaplan Keuyk in der Bonifatius-Pfarrei, zu der auch die Schwestern gehören. Er wird Luises geistlicher Begleiter. Als er 1947 von der Generalleitung die Nachricht bekommt, dass Luise in Auschwitz vergast worden ist, schreibt er folgendes: “Die erste Begegnung mit ihr wird mir unvergesslich bleiben. Ihre Persönlichkeit machte auf mich den stärksten Eindruck. Mit einer bewunderungswürdigen Seelenruhe berichtete sie mir zwei Stunden lang über ihr äuβeres und über ihr inneres Leben. Da saβ ein Menschenkind vor mir, von dem ich den Eindruck gewinnen musste, dass es … von Gott in Jesus Christus auserwählt und… zu seinem Kinde vorherbestimmt war. Und… es schien mir auch, als ob … der Reichtum der göttlichen Gnade samt aller Weisheit und Einsicht auf dieses edle jüdische Mädchen ausgegossen war.“ Luise selber sagt: „Ich werde katholisch, auch wenn ich um meines Glaubens willen Deutschland verlassen und  nach England oder Amerika gehen müsste.”

Luise muss die Situation in Frankfurt als zunehmend schwierig empfunden haben. Sie verlässt die Stadt und findet mit Hilfe der Familie Eppmann Arbeit und Unterkunft bei den Armen Dienstmägden Jesu Christi in Mönchengladbach-Hehn. Hier wird sie in aller Stille am 25.11.1935 getauft und empfängt am nächsten Tage zum ersten Mal die hl. Kommunion. Sr. Sanctia Kall wird ihre Taufpatin. In Hehn arbeitet Luise im Kindergarten. Sie hat auch Kontakt zu den Schülerinnen des Internats der ordensgeführten Haushaltungsschule. Als die Provinzoberin von England Anfang 1936 in Mönchengladbach zu Besuch weilt, vereinbaren die Schwestern mit ihr die notwendigen Schritte für die Auswanderung Luises nach England. Doch bevor dies geschehen kann, macht eine der Internatsschülerinnen die Bemerkung: “Man hat hier eine Jüdin untergejubelt und wenn die nicht sofort das Haus verlässt, gehe ich, und ich denke, ihr geht alle mit mir.“ Damit ist es für Luise unmöglich, länger zu bleiben.
Herr Eppmann und seine Tochter Hedwig bringen Luise am 3. März 1936 zu den Dernbacher Schwestern nach Geleen-Lutterade in den Niederlanden. In Geleen fühlt sich Luise sehr bald zu Hause. Sie gewöhnt sich gut an die niederländischen Gebräuche und lernt sehr schnell die holländische Sprache, so dass sie bald eine Prüfung als Lehrerin in Stenographie und Schreibmaschinenschreiben in dieser Sprache ablegen kann. Sie arbeitet im Kindergarten. In aller Stille und Einfachheit geht sie ihren Weg. Nach längerer Zeit fragt sie, ob sie in die Gemeinschaft eintreten dürfe. Am 8. Dezember 1937 wird Luise ins Postulat aufgenommen. Am 17 September 1938 wird sie eingekleidet und bekommt den Namen Sr. Maria Aloysia, den Namen, auf den sie getauft wurde. Aus diesem Anlass schreibt sie an Pfarrer Keuyk: “Hochwürden, darf ich um Ihr hl. Gebet bitten, dass ich eine Schwester nach dem Willen Gottes werden darf?” Entspricht das nicht der Grundhaltung der Ordensstifterin: „Möge in allem, überall, zu jeder Zeit der heilige Willen Gottes geschehen.“
Sr. Aloysia geht ihren Weg mit und zu ihrem Gott, wie Maria Katharina Kasper ihren Weg gegangen ist: in Bescheidenheit, in dienender Liebe, alles loslassend. In groβer Freude, dass sie am Tag ihrer Einkleidung auch die Heilige Firmung empfangen darf, bittet sie Pfarrer Keuyk, weiterhin für sie zu beten: “Möge der hl. Geist mit reichem Gnadensegen bei mir einkehren und mich erleuchten auf meinem Lebenswege. Der Heiland hat Seine Braut lieb.” Und fährt fort: “Dass niemand von meinen Angehörigen hier ist, können Sie sich wohl denken. Doch ich will dieses Opfer gerne bringen für ihr Seelenheil”.
Sr. Aloysia ist froh und glücklich. Sie hat ein neues Zuhause gefunden und fühlt sich sicher und geborgen. Durch Leid und Gnade gereift, ist diese Novizin ein Beispiel für die anderen. Ihre Mitschwestern bezeugen dies, wenn sie von ihr sagen: “Schon vom ersten Tag an war sie treu in der Erfüllung der Regel, im Umgang gütig und bescheiden, in der Freizeit fröhlich und munter und wegen ihrer feinen, vornehmen Art von allen geschätzt.“ Und die Novizenmeisterin schreibt: “Obschon jung an Jahren war sie eine innerliche Seele, gereift in hartem und schwerem Kampf für ihren Glauben. Dankbar war sie dem Herrn, der ihr so viele Gnaden verliehen hatte”. Sr. Aloysia hat viel gelitten, aber sie spricht darüber nicht, so dass ihre Mitschwestern nichts von ihrer Vergangenheit wissen. Man sieht sie oft betend in der Kapelle. Sie selber sagt, dass sie ihr Gebet versteht „als Opfer für meine Verwandten und für mein Volk”.  Am 12. September 1940 legt Sr. Aloysia ihre Gelübde ab.

Inzwischen sind am 10. Mai 1940 die Deutschen in die Niederlande einmarschiert. 1941 beginnt auch hier die systematische Verfolgung der 140.000 in den Niederlanden lebenden Juden. So muss Sr. Aloysia sich Anfang Mai 1942 in Amsterdam melden. Sie kommt zurück mit dem Davidsstern auf der Brust, dem Kennzeichen der Juden. Sie muss ihn nun immer tragen. Damit aber darf sie auch nicht länger im Kindergarten arbeiten.
Als Sr. Aloysia im September 1940 ihre Gelübde ablegt, weiß sie, auf was sie sich einlässt. Immer wieder werden neue Maβnahmen gegen die Juden ergriffen, die Schwierigkeiten und groβe Angst mit sich bringen. Auch Sr. Aloysia muss angesichts immer neuer Schikanen oft von heimlicher Angst ergriffen worden sein. Im Sommer 1942, als die ersten Deportationen von Juden in Konzentrationslager begonnen hatten, protestieren die Vertreter der christlichen Kirchen in den Niederlanden in einem Telegramm an die deutsche Besatzungsmacht gegen die Politik der Nazis. Daraufhin bietet der zuständige Reichskommissar an, die vor dem 1. Januar 1941 getauften Juden zu verschonen, wenn die Kirchen auf die Veröffentlichung des Schreibens verzichteten. Als aber am 14. Juli, nur drei Tage nach dem Telegramm, Transporte aus allen Teilen der Niederlande in das Lager Westerbork beginnen, beschließen die katholischen Bischöfe, öffentlich zu protestieren. Damit kommt auch für Sr. Aloysia die Unheilstunde immer näher. Sie geht ihr mutig entgegen, fest entschlossen, durchzuhalten bis zum bitteren Ende.
Am 26. Juli 1942 wird  der Hirtenbrief der Niederländischen Bischöfe von den Kanzeln verlesen. Sr. Aloysia hört mit tief gebeugtem Haupt zu und sagt nach der hl. Messe zu einer Mitschwester: „Ich fühle, dass etwas geschieht, aber ich habe meine Meinung gemacht und mich ganz dem Willen Gottes ergeben.” Sie hat sich nicht geirrt. Die Besatzer reagieren auf die Veröffentlichung des Hirtenbriefes mit der Verhaftung der katholisch getauften Juden, einer nicht genau bestimmbaren Zahl von Protestanten, die eine christlich-jüdische Ehe führen und anderer.
Eine Woche nach dem Verlesen des Hirtenbriefes – am Sonntag, 2. August 1942 – stehen morgens um halb sieben zwei Mitglieder der Waffen-SS und ein örtlicher Polizist an der Klosterpforte und fragen, ob eine Luise Löwenfels hier wohne und wenn ja, dann solle sie sofort geholt werden. Die Schwestern sind schon in der Kapelle. Sr. Aloysia darf noch die heilige Kommunion empfangen. Dann vernimmt sie, in aller Ruhe und Gelassenheit, den Befehl ihrer Verhaftung. In der Hingabe an Gottes Willen beginnt sie ihren Leidensweg, wohl wissend, dass dies der Weg ist, der zum Tode führt.
Am gleichen Tag werden mit anderen katholisch gewordenen Juden auch einige Ordensleute jüdischer Abstammung – darunter auch Edith Stein – verhaftet. Die aus dem Süden des Landes kommenden Juden werden in Lastwagen in das Arbeitslager Amersfoort (Provinz Utrecht) gebracht und von da aus zwei Tage später mit dem Zug in das Lager Westerbork. Das letzte Lebenszeichen von Sr. Aloysia kam von dort. Es war die telefonische Bitte an die Mitschwestern, ihr zwei Wolldecken, Kleider und ihre Brotmarken zu schicken. Ein Vertrauter der Schwestern brachte die Sachen nach Westerbork, wo er noch mit ihr über den Stacheldraht hinweg sprechen durfte.
Am frühen Morgen des 7. August gellen die Sirenen über das Lager. Es wird geschrien: “Aufstehen, schnell!” Die Namen derjenigen, welche weitertransportiert werden sollen – 987 Personen insgesamt – werden verlesen. Unter ihnen sind die Ordensleute. In überfüllten Viehwaggons werden die Gefangenen dann nach Auschwitz gebracht, wo sie am 9. August ankommen. Frauen und Kinder, darunter auch die Ordensfrauen, werden, wie ein Zeuge später berichtet, sofort von der Rampe aus in die sogenannte „Weiβe Baracke” gebracht, um dort vergast zu werden.

Schon seit ihrer Jugend folgte Sr. Aloysia treu Gottes Führung und seinem Willen, so wie sie ihn erkannte. Wegen ihrer Bereitschaft, den katholischen Glauben anzunehmen, musste sie viel Leid ertragen, aber sie war bereit, dafür einen hohen Preis zu zahlen: sie trennte sich von ihrer Familie, verlieβ ihr Heimatland und gab alles auf, was ihr lieb und teuer war. Das Wichtigste in ihrem Leben war für sie, Gottes Willen zu erkennen und zu erfüllen. Lassen wir noch einmal Pfarrer Keuyk zu Wort kommen: „Noch einmal möchte ich die Genossenschaft … zu ihrer ersten Märtyrerin beglückwünschen. Wir haben sie gekannt, wir haben sie geliebt und verehrt, und nun, da sie uns der Herr genommen hat, rufen wir zu ihr, dass sie uns die Kraft erflehe, das Heilandswort zu sprechen, das auch sie gesprochen hat: ‘Siehe ich komme, Deinen Willen zu erfüllen!‘“
Am 14. Oktober 2015 wird der diözesane Seligsprechungsprozess in Limburg eröffnet.

M. Arnolda de Haas – M. Christiane Humpert

 

Quellen und Literatur

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